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Buchtipp Spezial

Der Kämpfer: Biographie eines Radrennfahrers


"Jahrzehnte der Schufterei auf dem Rennrad, von einem 6-Tagerennen zum nächsten. Stundenlanges Fahren in rauchigen, verschwitzten Hallen, gefährliche Jagd bei achtzig Stundenkilometern im Windschatten von Motorrädern. Fahren, fahren, fahren, fast bis zur Besinnungslosigkeit. Muskelkrämpfe, Stürze, Knochenbrüche. Trotz aller Pokale, aller Titel: „Ich bin oft auf die Schnauze geflogen“, sagt er ohne jedes Pathos. Ja, er ist häufig hingefallen, aber niemals liegen geblieben. Mein Vater lässt sich etwas tiefer in seine Couch sinken und denkt noch einmal kurz über meine Frage nach.



Er könnte jetzt auf die riesigen goldenen Pokale auf der Fensterbank zeigen oder von der gewonnenen Weltmeisterschaft erzählen. Er könnte auch von der Faszination des Radsports schwärmen: der Geschwindigkeit, der Dynamik, der technischen Präzision. Stattdessen sagt er: „20 Jahre Radrennen, was habe ich alles erlebt, Wahnsinn. Ich würde es wieder tun.“ Er ist kein Mann der großen Worte und metaphysischen Erklärungen. Er redet unprätentiös und geradeheraus: Ja, er war einer der besten deutschen Radrennfahrer. Und nein, es war nie sein Kindheitstraum gewesen, Radrennen zu fahren, er hatte keine Idole, keine Helden. Es ging ihm nie um das Geld. Er wollte einfach das tun, was er am besten konnte. Und nachdem er gemerkt hatte, dass er gut ist, wollte er der Beste sein. „Für mich zählte allein der Erfolg. Ich wollte nicht mitfahren, ich wollte gewinnen.“

Wenn dieser eisern disziplinierte Söldner des Radsports bald 80 Jahre alt sein wird, darf man sich keinen Sportmillionär in Rente vorstellen, keinen Jan Ullrich, keinen Erik Zabel. Sondern jemanden, der sich mit viel Muskelkraft und noch mehr Wille bescheidenen Wohlstand erkämpft hatte. Jemand, der fuhr, um vielleicht etwas besser zu leben als seine Eltern. Die ganzen Fotos von seinen Erfolgen und Siegerehrungen hat er in eine windschiefe Kommode auf den Dachboden verbannt. Einen „Star“ würde sich der Mann mit dem freundlichen Blick und der „hohen Stirn“ sowieso nicht nennen. Dabei war er lange Zeit genau das."

Christian Kemper
Der Kämpfer: Biographie eines Radrennfahrers
244 S., 19,84 €
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